Sehnen wir uns nicht alle nach einer Auszeit, weit weg von all den Problemen, die uns die Nachrichtenportale tagtäglich vorführen? Einfach mal auf andere Gedanken kommen, etwas Anderes erleben? In Zeiten einer Pandemie gestaltet sich dies etwas schwierig. Während viele ihre Auszeit im eigenen Land suchen, hat es mich spontan in die Niederlande gezogen. Die Grenzen sind offen und die Reise ist ohne Beschränkungen anzutreten. Allein die ersten Minuten in Amsterdam haben mir gezeigt, wie weit entfernt die Niederländer*innen von der deutschen Corona-Realität entfernt sind. Das war beeindruckend.

Schock bei der Ankunft. Touristen verweigern Masken

Mein kleiner Trip beginnt bei Amsterdam Centraal, dem Hauptbahnhof der niederländischen Hauptstadt, wo mich mein bester Freund abholt. Dieser lebt und studiert hier schon seit mehr als zwei Jahren. Zudem bringt er genug Wissen über die Stadt, das Land und die Leute mit. Mit diesem Wissen kann er mir auch interdssante Insiderinformationen und versteckte Plätze zeigen. Die Fahrt mit der Straßenbahn dauert nur etwa 10 Minuten zu der Wohnung meines Kumpels. Doch nach wenigen Augenblicken trifft mich sprichwörtlich der Schlag. Wir fahren durch die Innenstadt und hier tummeln sich hunderte, wenn nicht sogar tausende Menschen ohne Corona Sicherheits-Abstand. Sie gehen auch ohne diesen Abstand in Einkaufsläden oder Supermärkte.

Dass sich viele Menschen in einer Innenstadt aufhalten habe ich erst letztens in Stuttgart erlebt. Doch hier in Amsterdam scheint es so, als wäre die Pandemie nicht angekommen. Ich frage meinen besten Freund, ob das hier der Normalfall sei? Dieser antwortet ganz trocken: „Das sind alles die Touristen … wenn wir bei mir im Viertel sind, merkst du, dass die Menschen, überwiegend Einheimische, immerhin Abstand halten.“

Sein Apartment liegt im äußeren Westen von Amsterdam. Es ist für die Verhältnisse der Stadt wenig los auf den Straßen. Man spürt den Hochsommer auch in Amsterdam. Wir entscheiden uns, ein paar Dinge im Supermarkt zu kaufen und den Abend gemütlich ausklingen zu lassen. Am Supermarkt angekommen, geht mein Griff automatisch zur Mund-Nasen Bedeckung. Doch mein Kumpel schaut mich an und schüttelt nur den Kopf. Niemand trägt hier Maske – aber es wird zumindest auf Distanz geachtet. Am nächsten Morgen treffe ich auch die Mitbewohnerin meines besten Freundes, welche von klein auf in dieser Stadt aufgewachsen ist.

Radtour Amsterdam

Ich unterhalte mich mit ihr. Scheinbar war es über den Sommer hinweg noch nie so leer und auch noch nie so warm wie jetzt in dieser Stadt. Mein Verlangen nach Abwechslung führt dazu, dass wir trotz der brütenden Hitze eine kleine Radtour durch die Stadt machen. Ich möchte ein bisschen mehr das Leben dieser Stadt spüren. Nahe des Rembrandtpark ist es zur Mittagszeit sehr ruhig und wir genießen den Schatten der Bäume. Je näher wir der Stadtmitte kommen, desto heißer wird es und die schattenspendenden Bäume werden weniger. Dafür häufen sich die Menschenmassen. Im Vergleich zum Vorjahr sind dieses Jahr deutlich weniger Menschen in der Stadtmitte unterwegs. Wir entschließen uns einen Bogen um das Zentrum zu machen und fahren zurück. Bei der Rückfahrt fällt mir auf, dass es in Amsterdam momentan sehr viele Baustellen gibt. Die Stadt scheint den Pausensommer durch das Corona-Virus zu nutzen, um viele Plätze zu renovieren.

Wir entspannen am Nachmittag an einer Gracht im Rembrandtpark, bevor wir uns eine lokale Spezialität zu Gemüte führen wollen. Das Gericht nennt sich Kapsalon und meines Wissens nach gibt es dies nicht in Deutschland. Doch scheint mir der Ursprung des Gerichts aus Deutschland zu kommen. Kapsalon ist im Grunde nichts anderes, als der Inhalt eines Döners in einer Aluschale. Die Zutaten werden dann mit Käse überbacken und Pommes hinzugefügt. Eine sättigende und gute, (aber Achtung, kalorienreiche), Mahlzeit!

Chillen in Amsterdam

Ruhiger Platz am Wasser im Osten von Amsterdam
Ruhiger Platz am Wasser im Osten von Amsterdam

Am nächsten Tag haben wir einen meiner absoluten Lieblingsplätze besucht. Dieser befindet sich im Osten von Amsterdam und ist am Wasser gelegen. Was ich an diesem Platz so sehr schätze ist, dass er sehr abgelegen ist und man hier seine Ruhe hat. Zeitgleich hat man an diesem Ort einen großartigen Blick auf die Stadt. Ein weiteres interessantes Merkmal für diesen Ort ist, dass dieses Viertel komplett auf schwimmenden Stahlplatten gebaut wurde. Interessanterweise liegt die Stadt mehrere Meter unterhalb des Meeresspiegels.

Ruhige Abendstimmung im Osten Amsterdams
Ruhiger Geheimtipp in Amsterdam

An diesem Ort kann man auch wunderbar betrachten, wie sich am Abend die Sonne über der Großstadt senkt. Nachdem es nun später wurde, wollten wir noch einige Bars in der Stadt auskundschaften – wir haben auch darauf geachtet, dass wir nicht zu sehr zentral in der Stadt unterwegs sind. Der Abend verlief ruhig und entspannt, bis uns ein etwas älterer Niederländer von der Seite anmacht. Der Herr hat scheinbar an der Art, wie ich bezahlte gemerkt, dass wir keine Einheimischen sind. Ich muss bei der Kartenzahlung noch meinen Pin zur Bestätigung eingeben. Im Gegensatz zu den meisten Niederländer*innen, welche dies ohne die Bestätigung via Chip machen können.

Hinzu kommt, dass er wohl ein paar Brocken deutsch vernommen hat. Dies hat ihn dazu veranlasst uns in angetrunkenem Zustand auf Englisch entgegen zu lallen, dass er keine Deutschen möge. Zudem bäumte er sich vor uns auf, als wolle er gleich physisch werden. Ich schaffte es aber gerade noch so, meinen besten Freund zu besänftigen, der sich provozieren lies, so dass wir relativ schnell und ohne weiteren Konflikte weiterzogen.

Ausflug nach Texel

Am darauffolgenden Tag hatten wir geplant uns die Insel Texel anzuschauen. Texel liegt im Norden der Niederlande und gehört zu einer kleinen Inselkette. Sie ist die Insel, welche am meisten Bewohner*innen aufweist. Zeitgleich ist die Insel sehr von ihrer Natur geprägt, was auch die Nationalparks belegen. Um auf die Insel zu kommen muss man von Den Helder mit einer Fähre übersetzen. Die Fahrt kostet pro Person 2,50 €. Um von Amsterdam nach Den Helder zu gelangen fährt man gut 70 Minuten mit dem IC und bezahlt für die Hin- und Rückfahrt 30,60 €.

Den Helder ist eine kleine gemütliche Hafenstadt mit ein paar Bars und Restaurants. Zudem habe ich ein riesiges U-Boot mitten auf dem Festland gesehen, was sich später als Marine-Museum herausgestellt hat. Nach einem kleinen Spaziergang durch die Stadt sind wir an einem riesigen Damm angekommen. Nach einigen Treppenstufen den Damm hinauf hatten wir einen Top Ausblick auf die Nordsee. Die Fähre fährt während der Hauptsaison alle 30 Minuten, als wir da waren, ist sie jede Stunde abgefahren. Die Überfahrt dauert 20 Minuten, was sich aber deutlich kürzer angefühlt hat. Das einzig negative an der Überfahrt war, dass man als Radfahrer*in oder Fußgänger*in den Zugang zur Fähre nur sehr schwer findet und man einen kleinen Umweg laufen muss.

Spontane Wanderung durch den Nationalpark

Wir haben uns vor diesem Trip nicht wirklich damit auseinandergesetzt, was es alles auf Texel zu sehen gibt. Somit sind wir einfach Richtung Nordwest los gewandert und waren gespannt, was uns auf diesem Weg erwartet. Das Erste, was wir zu sehen bekamen war das Wattenmeer. Ich habe das Bedürfnis mindesten einmal pro Jahr Meerwasser zu spüren und deshalb hatte ich hierbei mein Ziel direkt vor Augen.

Wattenmeer bei Texel
Wattenmeer bei Texel

Nachdem wir durch das Wattenmeer geschlendert sind, haben wir auf unserem Weg einen Wanderweg entdeckt. Direkt neben dran war eine kleine Trecking-Strecke für Radfahrer. Der Wanderweg zog sich ein kleines Stück und die mehr als 30 Grad ohne den fehlenden Schatten taten ihr übriges. Doch der Wanderweg führte uns direkt zu dem Nationalpark, welcher sich auf Texel befindet. In diesem Nationalpark kann man Dünen betrachten. Aufgrund der Tatsache, dass hier die Flut ungebremst einlaufen kann, aber auch wieder abebbt, ergibt sich eine einzigartige Landschaft.

Auch wenn es ein wunderbares Erlebnis war durch die Dünen zu laufen, wurde die Sonne immer unerträglicher – die Bilder entstanden auf dem Rückweg, gegen Abend. Es gab keine Möglichkeit sich irgendwo im Schatten kurz auszuruhen. Deshalb liefen wir immer weiter, bis wir das Ende des Parks erreicht haben und uns wie Bestellt eine Sitzbank, umgeben von Bäume erwartete. Die Bank bot sich an zur Belohnung für die Wanderung ein Bier zu trinken. Wenn man sich länger auf Texel aufhalten will, lohnt es sich in eines der Dörfer der Insel einzukehren. Diese sollen sehr sehenswert sein, genauso wie die weitere Natur der Insel, welche wir leider nicht mehr anschauen konnten.

Ein letzter Abend

Am letzten Abend vor meiner Abreise gingen wir in die Bar, in der mein bester Kumpel arbeitet. Die Bar heißt Waterkant, ist relativ zentral in Amsterdam und liegt an einer Gracht. Wir haben uns hier Nachmittags mit ein paar Freunden getroffen, um ein Bier zu trinken. Der Abend war zum einen sehr lustig aber auch interessant, da man dadurch nochmals mit Einheimischen in Kontakt treten konnte. Mir ist hierbei aufgefallen, dass das Virus kein vordergründiges Gesprächsthema ist.

Ein letzter Abend bei Waterkant
Ein letzter Abend bei Waterkant

Das Thema kam erst auf, als ich mich mit anderen Deutschen, die in Amsterdam leben, unterhalten habe. Sie selbst beschrieben, wie andere Länder mit der momentanen Situation umgehen. Hierbei habe ich mit Erstaunen festgestellt, dass das Thema, welches mich die letzten Wochen doch sehr stark bedrückt und eingeschränkt hat, in Holland nicht so in den Köpfen ist, wie zum Beispiel in Deutschland und es mir für diesen Aufenthalt viele Momente der Auszeit und Freiheit gegeben hat.

Soll ich jetzt schreiben, glücklicherweise?